Ortsteil Glarus

472 m ü. M.
6098 Einwohner (Stand 1.1.2017)


Überreste eines prähistorischen Bergsturzes vom Glärnisch sind der Burg- und der Sonnenhügel (früher als Galgenhügel bezeichnet) im Nordostteil des Ortes sowie das Bergli am Westrand und der Iselirain im Zentrum. (Bis zum Brand von 1861 befand sich dort auch der Tschudirain.) Ins frühe 7. Jahrhundert geht der Bau der ersten Kirche zurück, welche bis ins 13. Jahrhundert der ganzen Talschaft als Gotteshaus diente. Ein weiterer Sakralbau stand auf dem Burghügel, wo die Forschung die Existenz einer hochmittelalterlichen Fluchtburg vermutet. Der Kern der dörflichen Siedlung lag jedoch bei der Pfarrkirche am Spielhof (durch den Brand zerstört), wo die Verkehrswege des Tales zusammenliefen und sich der Verwaltungssitz des Klosters Säckingen befand. Bei der Eiche, der Gerichtsstätte, entstand eine zweite Dorfschaft. Die entsprechenden Tagwen “Oberdorf“ und “Niederdorf“ werden sowohl im Säckinger als auch im Habsburger Urbar genannt. Urkundlich fassbar wird der Begriff für den Ort und das Tal “Glarus“ im Jahr 1178, die deutsche Namensform 1289. Bereits 1246 erscheinen zudem in den Schriftquellen die Stadtzürcher Ritter von Glarus, deren Wappen dem seit 1939 bestehenden Gemeindeemblem mit dem schwarzen Steinbock auf goldenem Grund als Vorlage diente. Diesen Schild verwendeten übrigens um 1300 auch die Meier von Windegg und ab dem 16. Jahrhundert Vertreter des Geschlechts der Tschudi.

Der sprachliche Ausdruck “Glarus“ ist wohl einerseits auf eine lateinisch-romanische Grundform claronas (“Lichtungen, helle Stellen“) zurückzuführen, andererseits auf eine Eindeutschung des Heiligennamens Hilarius (wahrscheinlich erstes Patrozinium der Talkirche).

1419 erhob die Landsgemeinde das Dorf zum Hauptflecken und Wochenmarkt. 1470 wurde eine Feuer- und Wachtordnung erlassen. Wegen der Linth gab es öfters Streitigkeiten mit Ennenda. 1507 wurde deshalb zum ersten Mal ein Vertrag über eine Linthverbauung abgeschlossen. Eine “Gemeindeorganisation“ ist erst im Tagwensbrief von 1531 fassbar. Gemäss einem Häuserverzeichnis des Tagwens von 1561/62 befanden sich im engen Dorfbereich 98 Wohnhäuser; 38 waren von der Abläsch über das Oberdorf bis nach Riedern verstreut. 1554 hatten rund 1550 Leute in Glarus gewohnt, davon waren etwa 150 Katholiken. An Stelle des ersten nachweisbaren Rathauses von 1471 liess der altgläubige Landammann Gilg Tschudi 1559 an der Südseite des Spielhofes ein neues bauen, in dem unter anderem das gewölbte Landesarchiv, die Gefängnisse und die Folterkammer, der grosse Saal für den Rat und die Gerichte untergebracht waren. Auf dem Spielhof oder im Zaun fanden zudem militärische Übungen statt. Ein weiterer öffentlicher Bau war das Spital von 1560. Ferner gab es ein Schulhaus, verschiedene Pfrundhäuser, ein Schiess- und Tanzhaus (bei Regenwetter für die Abhaltung des Blutgerichtes benützt), die Ankenwaage und ein Büchsenhaus. Die Richtstätte lag im Ygruben, am östlichen Fuss des Galgenhügels. (An diesem Ort kam es im Juni 1782 zur Hinrichtung der angeblichen Hexe Anna Göldi.)

Glarus wurde 1299, dann 1336 und 1477 durch Feuer in Mitleidenschaft gezogen; 1593 und 1594 durch Bergstürze von den “drei Schwestern“ am Vorderglärnisch. Die Tagwensversammlungen fanden ab 1623 konfessionell getrennt statt. Im 18. Jahrhundert waren acht von zehn Häupterfamilien des Landes in Glarus verbürgert. Im Mai 1798 wurde Glarus Hauptort des neu geschaffenen Kantons Linth und des Distrikts Glarus. Im September/Oktober 1799 erduldete es den Durchzug fremder Armeen (Suworow).

Die Reorganisation der Gemeinde begann 1837 mit der Wahl eines dreizehnköpfigen Gemeinderats. 1878 befürworteten die Bürger eine Trennung von Bürger- und Ortsgemeinde. Es kam zur Schaffung einer örtlichen Infrastruktur durch die neuen Institutionen. In die Verantwortung der Bürgergemeinde fielen: das Gemeindehaus (1837 von C. F. von Ehrenberg erbaut), eine Gesamtsanierung desselben datiert aus dem Jahr 1997; die Armen- und Krankenanstalt (1852–55, heute Alters- und Pflegeheim Höhe); das Schützen- und Gesellschaftshaus (1858/59, F. W. Kubli) für Gemeindeversammlungen; das Waisenhaus (1882–85, 1955 abgebrochen) und das Pfrundhaus (1928–30, R. Bischoff und H. Weideli). Bauten der Ortsgemeinde waren: das Schlachthaus (1869, privatisiert 1996); die Verwaltungsgebäude an der Zaunstrasse (1899); das Schwimmbad (1921, Gesamtrenovation 1997) und der Sportplatz Buchholz (1921–22, nun Sport- und Freizeitanlagen Glarus). Zu den Einrichtungen kantonaler und eidgenössischer Instanzen zählen: das Regierungsgebäude (1837–38 unter Architekt C. F. von Ehrenberg errichtet, aber abgebrannt 1861); das kantonale Zeughaus (1846–48, F. W. Kubli); der Bahnhof mit Anschluss an das Netz der Vereinigten Schweizerbahnen (1859), später SBB; der schlossartige Bahnhofneubau (1902/03, H. Ditscher); das Kantonsspital (1878–1881, P. Reber), dessen Erweiterungen 1894–95 (B. Decurtins) und 1924–28 (H. Leuzinger) sowie ein Neubau 1961–70 (J. Zweifel/H. Strickler) und die Post (1894–96, Th. Gohl), seit 1985 im “Glärnischcenter“ am Bahnhof integriert. (1993 bewilligte die Landsgemeinde einen 92-Millionen-Kredit für die Gesamtsanierung des Spitals.)

Am 10./11. Mai 1861 ereignete sich eine Brandkatastrophe, welche 593 Gebäude in Schutt und Asche legte. Verschont blieben lediglich die Ortsteile westlich des Spielhofs, das Oberdorf, die neueren Quartiere im Süden und alle Stoffdruckereien. Die Pläne für den rasterförmigen Wiederaufbau erstellten die Architekten Johann Caspar Wolff und Bernhard Simon. Die Kirche wurde 1863–66 nach Entwürfen von F. Stadler erbaut. (2001 erhielt das renovierte Gotteshaus den Europa-Nostra-Preis.) Das Regierungsgebäude entstand 1862–64 nach Vorgaben von Simon, das Gerichtsgebäude 1862–64, das Mercier-Haus 1862–63 und die Höhere Stadtschule 1870–72 nach solchen von Wolff. Ausserdem legte die Gemeinde 1862 Gasleitungen und erstellte 1895 die heutige Wasserversorgung. Das Gas- und Wasserwerk ist seit 1901 in Gemeindebesitz.

Das 1468 erstmals erwähnte Klöntal wurde erst 1902 durch Landratsbeschluss dem Tagwen Glarus zugeschieden. Das 1904–08 im Klöntal erbaute Löntschwerk brachte der Konzessionsgemeinde Glarus wichtige Einkünfte und ermöglichte 1908 die Betriebsaufnahme der Elektrizitätsversorgung (EVG). 1914 nahm man einen Postkutschenbetrieb auf der Klöntalerstrecke auf. 1927 verkehrte dort das erste Postauto. Seit 1994 verbindet der Bus Glarner Mittelland die Dörfer Glarus, Ennenda, Riedern und Netstal. 1997 konnte die Alterssiedlung “Im Volksgarten“ bezogen werden. Der Tagwen ist heute in der Ortsgemeinde integriert.

Der Flecken ist Landsgemeindeort (seit 1623), Zentrum der kantonalen Verwaltung mit Landesarchiv und -bibliothek (seit 1761, heute in der ehemaligen “Höheren Stadtschule“ untergebracht), Kantonsschule, Kantonsspital, Kunsthaus (1952 fertiggestellt) sowie Sitz sowohl des Ober- und Kantonsgerichts als auch des Landrates.

Eine Erneuerung des Kirchturmes wurde im 13. Jahrhundert vorgenommen; unter Ulrich Zwingli, der von 1506–1516 als Pfarrer in Glarus wirkte, eine Seitenkapelle angebaut. Um die Jahrtausendwende erfolgte der Bau der St. Michaelskapelle auf dem Burghügel, welche 1762 einem Neubau weichen musste. (Renovationen gab es 1972 und 1999.) Zuvor sollen dort – nach einem Aufenthalt in Linthal – Felix und Regula gewohnt haben, die Krieger der thebäischen Legion, bevor sie nach Zürich flüchteten. Daneben befand sich bis fast ins Jahr 1600 ein Schwesternhaus (Kloshaus). (Archäologische Ausgrabungen wurden 1970/71 realisiert.) Der Pfarrsprengel von Glarus umfasste am Ende des 14. Jahrhunderts die Dorfschaften Glarus, Riedern, Netstal, Ennenda und Mitlödi. 1528 obsiegte die Reformation im Flecken. Die Kirche wurde jedoch weiterhin von beiden Konfessionen benutzt. 1697 bildeten sich zwei konfessionelle Kirchgemeinden. Die nach dem Loskauf von Säckingen (1395) den einzelnen Kirchgemeinwesen zugeschiedenen Hochwälder wurden 1828–1830 auf die fünf Tagwen der alten gemeinsamen Kirchgemeinde Glarus verteilt. Seit 1862 erstreckt sich die evangelische Kirchgemeinde nur noch auf Glarus und Riedern. Im Jahr 1961 fand auch das Simultaneum ein Ende. 1962–64 folgte die Erstellung der St. Fridolinskirche durch E. Brantschen. (Der Kirchenschatz, unter anderem mit dem “Zwinglikelch“, verblieben bei der katholischen Kirchgemeinde.) Eine den Reformierten gehörendes Gotteshaus wurde ausserdem 1965–66 im Vorauen gebaut.

Hauptsächlich betrieb man im Hochmittelalter Schaf-, im 14. und 15. Jahrhundert vermehrt Grossviehzucht. Daneben gab es Anbau vor allem von Gerste, Hafer und Hanf. Mühlen (1434 erwähnt), Stampfen, Sägereien, Walken, Zigerreiben, Hammerschmieden und so weiter entstanden ausserdem entlang des Oberdorf- oder Strengenbachs sowie des Giessen, einem natürlichen Nebenlauf der Linth. (Beide Fliessgewässer wurden bis 1861 oberirdisch geführt.) Schon im 15. Jahrhundert entwickelten sich Handelsbeziehungen, die bis nach Zürich, Ulm, München oder Venedig reichten. Einfluss hatte überdies das Söldnerwesen, das bis ins 19. Jahrhundert einen wichtigen Wirtschaftsfaktor darstellte. In Früher Neuzeit förderte die Gemeinde auch den Obstanbau. Im 16. Jahrhundert wurde zudem im Klöntal Eisenerz gewonnen. 1740 errichtete Johann Heinrich Streiff (1708–80) am Oberdorfbach die erste Baumwolldruckerei. Die Zahl der Häuser wuchs 1714–1797 von 188 auf 440, die Einwohnerzahl von 1800 auf 2500 an. Damals entstanden Repräsentationsbauten wie das Haus “In der Wies“, das Iseli- und das Paravicinihaus, der Tschudihof, die Insel, der Stampf etc.

Nach 1800 erfolgte ein rascher Anstieg der Bevölkerung (1837 zählte man 4094 Einwohnerinnen und Einwohner; 1870 5517). Neue Häusergruppen bildeten sich in Abläsch, Bohlen, Zaun, auf der Allmeind, der Pressi und am Schützenplatz. Des weiteren entstanden um 1850 der Kirchweg, ab 1860 das Bahnhofquartier mit “Glarnerhof“ (1861–62) und der Volksgarten (1874–76); im Sand 1812 das heutige Dr.-Kurt-Brunner-Haus, seit 1968 Repräsentationsgebäude des Regierungsrates mit Wappenscheibensammlung von nationaler Bedeutung. Neue Wohnquartiere kamen im 20. Jahrhundert hinzu; die Einwohnerzahl stieg zwischen 1900 und 1950 von 4942 auf 5724. (1990 betrug sie 5728, davon waren fast die Hälfte Katholiken.)

Die industrielle Entwicklung brachte insbesondere Baumwolldruckereien hervor, so etwa die Unternehmen Aegidius Trümpy (dessen Druckstubengebäude wurde im Volksmund “Schloss“ genannt) sowie Brunner, Gebr. Streiff, Heer-Schuler und die Baumwolldruckerei Hohlenstein, aber auch die seit 1861 bestehende Bleicherei Streiff am Strengenbach. Überdies zog die Industrialisierung neue Gewerbe an: zum Beispiel die Erlen-Brauerei (1827–1981) und die Zigarrenfabrik Denzler & Kupper bzw. Bachofen & Cie. (1851–1957). 1837 fand ein Streik bei Aegidius Trümpy statt, der erste in der Schweiz. (Die erfolglos bestreikte Fabrikglocke befindet sich im Freulerpalast.) 1845 errichteten Auswanderer in Wisconsin (Nordamerika) die Gemeinde New Glarus. Um 1890 gerieten die Textilfabriken in eine Krise. Das erste Bankinstitut hingegen, die Bank in Glarus, hatte 1852 seine Tore geöffnet und wurde 1912 eine Filiale der schweizerischen Kreditanstalt. Seit 1884 existiert des Weiteren die Glarner Kantonalbank. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine Filialgründung der Möbelfabrik Horgen. Glarus ist auch Sitz der Geska, der einzigen Zigerfabrik im Kanton. Die Firma Tschudi & Co., um 1890 ins Leben gerufen, war bis 1997 Herausgeberin der Zeitung “Glarner Nachrichten“ und ein Betrieb mit eigenem Verlag. Seitdem ist die Südostschweiz Presse AG, Chur, verantwortlich für die Herausgabe des Blattes “Die Südostschweiz“ mit einer Kopfzeitung “Glarus“, welche unter anderem von einer Lokalredaktion im Glarner Hauptort betreut wird. Im dritten Sektor arbeitet über die Hälfte der Erwerbstätigen.

Die älteste Schule war eine von Zwingli angeregte Lateinschule, die Ende des 16. Jahrhunderts wieder einging. Ähnliche Neugründungen im 18. Jahrhundert erlitten beim Zusammenbruch des Ancien Régimes das gleiche Schicksal. 1524 wurde am Burghügel auf Landeskosten ein Schulhaus errichtet. 1594 entstand ein evangelisches Schulhaus auf der Pressi. 1783–98 existierte eine sogenannte Realschule mit Latein für Knaben ab zwölf Jahren. 1811 wurde das Heer’sche Institut als private Sekundarschule eröffnet, 1818 wurde dieses abgelöst durch das Isler-Bruch’sche Institut, 1835 gab es eine halb private, halb kommunale Sekundarschule im Zaunschulhaus. Sie ging 1867 ganz an die Gemeinde über. 1872 erfolgte deren Umzug an die Hauptstrasse beim Spielhof, und sie wurde 1890 zur “Höheren Stadtschule“ mit einem Untergymnasium. 1956–77 bestand dort die Kantonsschule, welche in die 1973–77 von R. Leu neu erbaute Kantonsschule an der Winkelstrasse verlegt wurde. 1860 entstand für die Katholiken das Burgschulhaus. 1876 wurden die konfessionellen Schulen aber aufgehoben und die Schulgemeinde Glarus-Riedern geschaffen. Weitere Unterrichtsstätten entstanden: 1923–25 die Handwerkerschule (bis 1975); 1955–57 das Primarschulhaus Erlen; 1978–80 das Oberstufenschulhaus Buchholz. Schliesslich hatte man bereits 1908/09 ein Ferienheim auf Obersack unterhalb der Schwammhöhe errichtet.

Jenseits dieses Bergsturz-Riegels, am Klöntalersee, befindet sich das Gessner-Denkmal, welches 1788 für den Zürcher Idyllendichter und Maler Salomon Gessner erstellt wurde. Im 19. Jahrhundert setzte die touristische Nutzung der Gegend ein. Um 1830 entstand im Richisau eine Milch- und Molkenkuranstalt. 1856 wurde dort ein Gasthaus und 1874 ein Kurhaus gebaut, das 1915 abbrannte. 1902 fand auf Untersack als Premiere ein Skirennen in der Schweiz statt. 1893 bereits war der Skiclub Glarus, als erster im Land, gegründet worden. Erste Slalomweltmeisterin wurde 1932 im italienischen Cortina d’Ampezzo die Stadtglarnerin Rösli Streiff.